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Nach eineinhalb Jahren ontheroad bin ich heute mit Gabriela in die Schweiz zurückgekehrt. Mit Kopf und Seele voller multikultureller Eindrücke stellen wir uns nun wieder dem Leben in der Schweiz, dem Berufsleben, der Routine. Ein neues Abenteuer. Denn das Leben ist so spannend, wie man es macht. 



Welcome to India! Unser Reisehandbuch hatte uns gewarnt, doch nach unserer Ankunft am Flughafen von New Delhi konnten wir uns einer Serie an Unannehmlichkeiten trotzdem nicht entziehen. Mitten in der Nacht stiegen wir in eines der vielen wartenden Taxis. Schlecht gewählt...

Unser Taxifahrer macht anfänglich auf nett, erzählt von seiner soeben geborenen Tochter und natürlich dem Nationalsport, dem Cricket. Wir können nicht mitreden und verstehen auch das Hindi nicht, als er angeblich seiner lieben Frau telefoniert. Plötzlich zweigen wir von der Hauptstrasse ab. "Wohin ihr gehen wollen?", fragt der Fahrer. Seltsamerweise sind seine Englischkenntnisse auf einmal minimal. "Wie bitte? Du kennst die New Delhi Railway Station nicht?" Wir ahnen Ungutes. Nach einigen Kehren in einem völlig menschenleeren Quartier stoppt der nun scheinbar völlig von der Rolle geratene Fahrer bei einer Reiseagentur. Aha, ein abgekartetes Spiel. Um den Bahnhof herum sei es in der Nacht gefährlich, meint der Agent, und will uns in ein sicheres Hotel fahren lassen. Ohne Zusatzkosten... Glücklicherweise kenne ich Delhi, sonst wäre ich in einer solchen Situation wohl unsicher geworden. 

Dank Ruhe und Bestimmtheit gelingt es uns, die Fahrt bald fortzusetzen. Kaum in den Gängen bremst der Fahrer erneut. Aus einem dunklen Hof kommt wie zufällig ein Mann aufs Taxi zu. "Seit ihr wahnsinnig? Habt ihr von den gewalttätigen Ausschreitungen nichts gehört? Checkt in ein sicheres Hotel ein, ich kenne eines..." Er wird wütend und schreit uns Schimpfwörter nach, als wir beschleunigen. Doch die Sache ist für uns noch nicht überstanden. Zum dritten Mal hält der Fahrer und verweigert nun gar die Weiterfahrt. Die Strasse zum Bahnhof sei zu dieser Zeit für Autos gesperrt. Wie gerufen, sprich, wie abgemacht, fährt aus der finsteren Nacht plötzlich ein weiterer Mann mit einer Motorikscha neben das offene Fenster unseres Taxis. "Dieser 'Freund' wird euch zu eurem Ziel bringen." Es ist nichts zu machen. Wir müssen umsteigen, bezahlen widerwillig den Taxifahrer, der wie erwartet kein Wechselgeld geben kann.

Es ist kalt in jener Nacht in Delhi. Der Fahrtwind dringt bis in die Knochen. Nach den tropischen Temperaturen in Thailand sind wir uns die knappen 15 Grad nicht mehr gewohnt. Selbstverständlich verlangt auch unser neuer Chauffeur eine ungewöhnlich hohe Entschädigung für seinen spätabendlichen Spezialdienst. Doch diesmal rechnen wir eiskalt ab. Immerhin erhält er ein kleines Trinkgeld, brachte er uns doch tatsächlich und endlich zum Bahnhof. Von dort sind es nur wenige Schritte zum Hotel, in welchem ich bereits zum Abschluss meiner Veloreise genächtigt hatte. Die Rezeption ist kurz vor ein Uhr tatsächlich noch besetzt. Das freie Zimmer ist... na ja, wenigstens ein Zimmer. Ohne warme Decken liegen wir da und malen uns aus, was auf dieser Taxifahrt wohl noch alles passiert wäre, wenn ich nicht darauf bestanden hätte, dass der angebliche Bruder des Fahrers nicht auch noch mit einsteigt...

Das Unangenehmste der Reise in Indien lag nun hinter uns. Mit der nötigen Vorsicht vor unheiligen Geschäftemachern konnten wir uns dem grossen kulturellen Angebot widmen.

Indiens Vergangenheit ist geprägt von regionalen Königsreichen, deren Macht über die Zeit zwar variierte, die sich aber viele Generationen halten konnten. Im 16. Jahrhundert drangen die islamischen Mughals von Afghanistan in Nordindien ein, deren Dynastie sich in Delhi bis zur Machtübernahme durch das British Empire im Jahr 1858 halten konnte. Die Mughals haben Indien eine Vielzahl an prächtigen Gebäuden hinterlassen, darunter die berühmte Grabstätte Taj Mahal. Mit Akbar hat mich einer ihrer Imperatoren aber noch mehr fasziniert als aller weisser Marmor. Er setzte sich erfolgreich für eine friedliche Koexistenz von Muslims und Hindus ein, verbannte Ungerechtigkeiten anFrauen und Kinder und sorgte für einen wirtschaft-lichen Boom. Als seine Nachfolger wieder vermehrt muslimische Sitten in der hauptsächlich hinduistischen Gesellschaft durchsetzten, zerbröckelte das riesige Reich zunehmend. Insbesondere die Vasallenstaaten im Gebiet Rajasthan gingen wieder eigene Wege.

Unser Weg führte uns eben in dieses Rajasthan. Ganz Indien ist ein Fest an Farben, aber ganz besonders Rajasthan. Wir konnten uns an den leuchtenden Saris der Frauen und den prächtigen Turbane der Männer kaum satt sehen. Doch damit nicht genug. Selbst die Hauptstädte der Rajputs, der Herrscherfamilien, zeigen sich im farbigen Kleid: Jaipur in pink, Jodhpur ganz blau, Jaisalmer wüstenhaft goldig und Udaipur weiss.  

In Indien ist alles nebeneinander, übereinander, durcheinander, miteinander. Eine Kuh scheisst auf eine Tempeltreppe, ein zerlumpter Bettler hängt an der blitzblanken Scheibe der Luxuslimousine, beissend stinkender Männerurin fliesst von der Häuserwand in eine Abwasserrinne und vermischt sich dort mit dubioser schwarzer Brühe, darüber werden Samosas frittiert, ein Neugeborenes schreit und nebenan liegt ein Mann auf der Strasse, für immer verstummt. Es scheint fast so, als ob sich die Reisenden die Schönheit mit viel Hässlichkeit verdienen müssten. Vielleicht führt der krasse Kontrast von Gut und Schlecht sogar dazu, dass wir uns um so intensiver auf die Pracht einlassen, sie schätzen und geniessen können

Den Dreck aus unseren Kleidern lassen wir uns letztmals in Mumbai (vormals: Bombay) schrubben. Angeblich 10'000 Dhobis (Wäscher) schufften in den unzähligen Betonwannen der riesigen open-air Wäscherei. Auch touristisch eine saubere Sache, obwohl wir einen der Dhobis bestechen mussten, um einen genaueren Augenschein nehmen zu dürfen. Toll fand ich die Qualitätssicherung, bei der fünf Männer im Gegenlicht die Reinheit der Fasern prüften. Ja, in Indien ist Waschen Männerarbeit. Oder ziehen die Frauen die Fäden hinter den Kulissen?

Unser Reisehandbuch hatte uns gewarnt: Das multikulturelle, farbige, fröhliche, schreckliche, dreckige, einfach faszinierende Indien lässt einem mitunter nie mehr los. So wirds wohl auch bei Gabriela und mir bald wieder einmal heissen: Welcome back in India!


Bangkok, 23. Januar 2007

"Thailand ist viel besser als Malaysia", hatten uns einige Reisende vorgeschwärmt. "Verliert nicht zu viel Zeit in Malaysia und geht direkt nach Thailand!" Da Gabriela und mir das vielseitige Malaysia sehr gut gefallen hatte, baute sich durch solche Äusserungen natürlich hohe Erwartungen auf. Im Rückblick konnte Thailand diese nicht ganz erfüllen, obwohl es durchaus zu gefallen wusste.

Ein Vergleich der Nachbarsländer fiel uns aber auch schwierig. Während wir uns in Malaysia dem breiten Kulturangebot hingaben, waren wir in Thailand auf Badeurlaub auf den südwestlichen Inseln und anschliessend in Bangkok. Trotz dieser einseitigen Sicht auf Thailand ist es wohl objektiv zu behaupten, das Land sei homogener. Es fehlen die Einflüsse der Kolonialmächte (Thailand war als einziges Land in Südostasien nie Kolonie), der Buddhismus ist die klar dominierende Religion und das Vok steht einig hinter seinem König, der seit über 60 Jahren mit seinen
bescheidenen Machtbefugnissen amtet. Es ist ein Streben nach Uniformismus spürbar, nach Konstanz. Und dies trotz den immer wieder vorkommenden militärischen Putschs (letztmals 2006). Oder vielleicht gerade deshalb? 

Selbst die verheerenden Zerstörungen des Tsunamis von Ende 2004 haben keine grösseren Veränderungen bewirkt. Jedenfalls merkt man als Tourist kaum mehr etwas davon. Am ehesten noch durch die Hinweisschilder, die einem im Falle einer Flutwelle den Weg zum nächsten höhergelegenen Punkt angeben. [Anmerkung 12.4.: Der letzthin durchgeführte Alarmtest endete mangels Information der Bevölkerung nicht auf den Hügeln, sondern im Chaos.] Offenbar sind vormalige Bambusbungalos nun vermehrt mit Beton wieder aufgebaut worden. Damit alles länger beim Alten bleibt. Und da die See bislang gottlob ruhig blieb, erliegen Inseln wie Ko Lanta oder Ko Phi Phi "nur" noch der Tourismuswelle.

Ganz gross punktet Thailand bei Schnorchlern und Flaschentauchern. Flora und Fauna sind trotz der Touristenmassen noch immer sehr eindrücklich. Diese neue Welt wollten auch Gabriela und ich entdecken. Während ich es bis zum Advanced Open Water Diver weiter trieb, konzentrierte sich Gabriela nach der Hälfte der Ausbildung aufs Schnorcheln, da sie sich mit der vielen Ausrüstung nicht wohl fühlte und, es soll nicht verschwiegen sein, unsere Tauchlehrerin nicht gerade das pädagogische Talent war, einem solches Unbehagen zu nehmen.

Unter Wasser ist alles anders. Tauchen ist gleichzeitig ein sinnliches Grenzerlebnis wie ein sinnlicher Rausch: Geräuschquellen lassen sich kaum lokalisieren, man schmeckt nur die etwas abgestandene Luft aus der Flasche, riecht nur den Gummi der Maske und der Tastsinn ist zum Schutz der Natur ausgeschaltet. Trotz Flossen bewegt es sich relativ schwerfällig, die Orientierung ist trickreich und selbst das Denken verlangsamt sich, je tiefer man taucht. Noch mehr als sonst konzentriert sich die Wahrnehmung aufs Sehen. Doch welch grandioser Reizüberflutung man sich ausgesetzt sieht! Ich fühlte mich wie in einem farbigen Unterwasserzoo, riesig und ohne Gitter. All diese prächtigen Korallen, die fantasievoll geformten Fische, diese Prallheit an Leben! Die Tiere zeigen kaum Furcht vor einem solch träge dahingleitenden Menschen wie mich. Spätestens als mich ein Putzerfisch anknabbert, fühle mich wie ein Teil dieses Ökosystems.

Unter Wasser ist alles anders. Es ist derart ungewohnt, dass sich der Mensch mit ihm Bekanntem Halt und Struktur verschaffte. Die Welt an Land war eindeutig Vorbild für die Klassifizierung der unzähligen Fischarten. So identifiziere ich Schmetterlingsfische, Eichhörnchenfische, Echsenfische, Papageienfische oder Leopardhaie. Nach knapp einer Stunde ging mir leider jeweils die Luft aus (abhängig von der Tauchtiefe). Ich tauchte auf - Thailand hatte mich wieder.

Nach Ko Phi Phi reisten wir non-stop nach Bangkok. Auch dort stürzten wir uns wenig ins kulturelle thailändische Erbe. Immerhin besuchten wir den prunkvollen Königspalast mit seinen märchenhaften buddhistischen Tempeln, die man auch als Denkmal der 1001 Fotomotive bezeichnen könnte. Die meiste Zeit aber verbrachten wir beim Shopping. Die Malls kommen vom Einkaufserlebnis her zwar nicht ganz an jene von Singapur oder Kuala Lumpur heran. Dafür sind die traditionellen Märkte ideal für Geschenkkäufe. Der Chattachuk Wochen-endmarkt ist Weltklasse!

Thailand war nicht besser als Malaysia. Nur anders. Genossen habe ich hier neben dem Tauchen vor allem das stetige Barfuss- oder Flip-Flop-Laufen, Grünes Curry, dazu ein Kokosnussshake, die Restaurants mit Seafood-Barbecue und nach so leckerer thailändischer Kost ein Jogging entlang der Traumstrände bei Abenddämmerung. Das sind Ferien - und nötige Erholung vor dem Abtauchen ins indische Chaos!



Bericht folgt - wohl nicht mehr. Ausgerechnet in Malaysia, diesem äusserst interessanten, multikulturellen und angenehm bereisbaren Land bleibt der Bericht irgendwo zwischen chinesischen Essstäbchen und Ureinwohner-Blasrohr stecken...)